Garten der Lust. Das Bild „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch


Garten der Lust – Hieronymus Bosch’s „Der Garten der Lüste“. Eines der größten Kunstwerke der Menschheit. Ein sakrales Meditationsbild. Zeigt es eine Utopie, eine Mahnung, einen Traum?

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Vor dem Original

Das Werk ist ein Triptychon auf Eichenholz, das um 1500 von Hieronymus Bosch geschaffen wurde. Es misst gewaltige 390 cm in der Länge und 220 cm nach oben.

Eines der größten Kunstwerke der Menschheit. Das ist ein Meditationsbild und sakral.

Nichts kommt dem Original gleich. Etwas von still werden, von ehrwürdigem Schweigen. Jenseits von Gedanken und Worten. Nur da sein und spüren.

Trotz der Menschenmassen, des Gedränges, des Schreiens, Zeigens und Geplappers vor der größten Attraktion des Prado in Madrid.

Ich bin so nah an dem Bild, dass ich meine, es zu riechen. Ich sehe das Material des Bildes, seine Struktur, wie sich das Licht fein auf dem Firnis spiegelt. Fast meine ich die Pinselstriche zu sehen.

Das Bild ist groß. Sehr groß. Und doch wirkt es nicht überdimensional.

Es fällt mir gar nicht so leicht, das alles zu erfassen. Ich kenne Abbildungen, die das Bild in seiner Gesamtheit zeigen. Dann sind die Details viel zu klein, um sie wirklich identifizieren zu können. Oder ich sehe isolierte Details. Dann kann ich sie schlecht in die Gesamtkomposition einordnen. Vor dem Original habe ich beides. Ich sehe die Details und entdecke immer wieder neue. Die Figuren vorn wirken zum Greifen nah. Und gleichzeitig sehe ich auch immer das ganze Bild. Ich muss nur den Kopf etwas wenden.

Als erstes fällt mir die Perspektive auf. Wenn ich davor stehe, wirkt das Werk auch ohne Zentralperspektive dreidimensional. Als wäre ich wirklich dort und in diese imaginäre Welt eingetaucht.

In dem Bild erkenne ich keine vorgegebene Richtung. Das sieht nicht so aus, als ginge der Weg eindeutig in die Hölle, wie herkömmlich Interpreten meinen. Eher sehe ich noch eine Verbindung zwischen dem links dargestellten Paradies und dem Mittelteil. Das ist mehr oder weniger die selbe Landschaft, die sich in einer blauen Ferne verliert. Mir erscheint die Hölle auf der rechten Seite unvermittelt – ohne eine direkte Verbindung zum Rest des dargestellten Geschehens.

Auf der linken Seite das Paradies. Gott mit Adam und Eva im Garten Eden umgeben von fremdartigen Tieren, Pflanzen und Gebilden in einer weiten Landschaft. Dieses Paradies kommt mir vergleichsweise kahl und unattraktiv vor. Ja, ein wenig langweilig. Eher so wie die Erinnerung an einen verlassenen und nie wiederkommenden Ort. Da sehe ich kein Heilsversprechen für die Heiligen und Tugendhaften.

Da möchte ich lieber im Mittelteil bleiben und an dem zentralen Reigen aus Tieren und den Menschen auf ihnen teilnehmen, im See baden, mit den Menschen in Interaktion treten oder auch Tieren und die rätselhaften Gebilde erkunden. Wirbelndes Leben, Freude. Ja – auch Lust. Aber auch selbstverständlicher harmonischer Umgang miteinander. Alle Männer und Frauen schön, jung und nackt.

Ist das das Leben? Ist das verwerflich, so zu leben, sich so hinzugeben, zu genießen? Bleibt das so? Immer?

Rechts die Hölle. Düsteres Licht, flackernde Feuer. In unendlichen Details geschehen die unterschiedlichsten, meist schrecklichen Dinge. Immer entdecke ich wieder etwas Neues, obwohl ich schon so viele Details in Abbildungen gesehen habe. In der Hölle geht es natürlich brutal zu. Und doch wirkt diese Umgebung vertraut und alltäglich. Mir fällt auf, dass die Qualen der Hölle eher subtil gezeigt werden. Kein Sägen und Bohren von Teufeln, kein spritzendes Blut. Fast bin ich geneigt zu sagen, diese Hölle zeigt eine nur unwesentlich übertriebene diesseitige Realität.

 

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Deutungsversuche

Der „Garten der Lüste“ entzieht sich einer eindeutigen Interpretation. Was zeigt er? Ist das eine konventionelle Warnung vor dem inneren Drama eines sündigen Leben, das notwendig zu den Qualen der Hölle führt? Und eine Mahnung, dass alle irdischen Freunden vergänglich sind? Oder ein traumartiger Spiegel der menschlichen Natur mit unseren Ängsten, Wünschen und Lastern? Die Utopie eines Paradieses, in dem die Menschen in unschuldiger Harmonie leben? Oder alles zugleich?

Vielleicht geht es nicht darum, ein tugendhaftes Leben zu führen, nur weil ich dann nicht in die Hölle komme. Möglicherweise meinen Himmel, Paradies und Hölle gar keine jenseitigen Orte, sondern innere Zustände?

Bin ich gerade jetzt mitten in der Hölle, in einer Realität, die ich selbst geschaffen habe und die ich für selbstverständlichen Alltag halte? Und komme ich gar nicht auf die Idee, dass ich da rauskommen könnte?

Oder bin ich in einem Wirbel gefangen, wie in der Mitteltafel, der mich nicht zur Besinnung kommen lässt. Das fühlt sich gut an. Aber ich bin mir nicht bewusst, was ist und was ich tue.

Vielleicht kann ich mich jederzeit entscheiden, wo ich sein will. Aber dafür muss ich Abstand gewinnen und mich sozusagen von außen sehen können, wie ich in meiner gegenwärtigen Sichtweise verstrickt bin.

Mir gefällt die Deutung des Garten der Lüste als Traum. Man möchte den Menschen dort zurufen: Wacht auf! Steigt aus aus euren Bildern und löst euch von euren Horrorvorstellungen oder auch von euren schönen Träumen. Und seht, was tatsächlich ist!

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. shoot 2048 hexa

    It’s fascinating how much interpretation surrounds Bosch’s *Garden of Earthly Delights*, especially considering it’s a triptych from around 1500. I found some interesting visual complexity discussions that reminded me of this painting.

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