Magische Orte Mexiko – Real de Catorce

Magische Orte Mexiko. Die Farben realer als real und transparent. Das Blau. Eine Farbe, in die ich eintauchen könnte wie in einen stillen Ozean. Es gibt nichts als diese Schönheit. Kein Gott, keine Erleuchtung. Die Flügel ausbreiten und in das Blau eintauchen. Für immer.

Magische Orte Mexiko
Wollfadenbild der Huichol

In den Bergen. Ein winziger, nahezu verlassener Ort, fast nur noch Ruinen um eine gar nicht so kleine und noch recht gut erhaltene Kirche, die dem heiligen Franz geweiht ist. An drei Seiten versperren massige, aus der Entfernung kahl wirkende schmutziggrüne Bergrücken die Sicht. Eine breite Lücke führt den Blick zu weiter entfernten Erhebungen, zwischen denen sich tiefe Täler eingegraben haben. Hier ist die Welt zu Ende. Keine Straßen mehr. Nur schmale Maultierpfade.

Der heilige Franz. Frühmorgens habe ich ihn besucht und um eine gute Reise gebeten. Er saß mir gegenüber, in einem Glaskasten, dunkel gekleidet, und hat mich lange ernst aber gütig angeschaut, so als wüsste er auf jedes Leid eine Antwort.

Ich laufe querfeldein. Ständig bergan. Violette Lavafelder, mit niedrigem Kraut bewachsen, dazwischen mit Flechten überzogene Steine in der Farbe oxidierten Kupfers. Nicht einmal mehr Kakteen. Dort hinten der Kopf des Kraken, ein Berg. Dort will ich hin. Hügel und Ebenen dazwischen, durchzogen von tiefen schmalen Rinnen, die das Wasser gegraben hat, Canyon en miniature. Das Tal vor mir im Schatten. Nur dort ist es dunkel, rundherum heller Sonnenschein. Ganz langsam verzieht sich die Dunkelheit und taucht auch dieses Tal wieder ins Licht. Die Sonne spielt mit den Wolken.

Ich laufe seit Stunden, bewege mich auf einem Grat einem markanten Berg zu, treffe ihn in halber Höhe. Tief reicht er hinunter; seinen Fuß kann ich nur ahnen. Auf der anderen Seite ein Berg fast bis in den Himmel und ein Durchblick auf diese unbegrenzt weite Ebene, flach, graugrün mit kleinen braunen Flecken, Feldern. Schnurgerade dünne Linien, Straßen, aber kaum weitere Spuren menschlicher Besiedlung.

Obwohl ich auf halber Höhe beginne, ist die Wand steil und der Gipfel weit. Unter mir eine Welt aus Abgründen und sanft gerundeten Felsmassen auf deren baumlosen Flächen die allmählich länger werdenden Schatten ein fast unwirkliches Relief zaubern. Wie ein 3D-Bild. Demonstration der dritten Dimension.

Der Gipfel ist fast erreicht. Oben ein Mensch. Ein indianisches Gesicht. Ein angedeutetes Lächeln.

Eine Hand auf der fleischige Stücke einer Pflanze liegen. Mir wird schwindlig. Ich frage nicht lange. Ich nehme ein Stück und kaue es langsam, folge seinen Gesten, frage nicht was kommen wird. Er spricht von Reinigung. Die Kerze wird bis zum Grund brennen, flackernd zwar doch ohne zu verlöschen, auf dieser windigen Bergspitze.

Morgens hatte es dunkle Wolken gegeben, sogar einige Tropfen Regen. Jetzt strahlender Sonnenschein und tiefblauer transparenter Himmel mit Bändern aus weißen Wolken. Vor mir ein Abhang mit einigen Büschen, etwas Kraut und einzelnen Baumkakteen, Gewächse mit langen stacheligen Blättern, die eine große Kugel formen. Links Berge in diesem herrlichen rötlichbraunem Relief, Strukturen aus dunkelbraunen Schatten.

Vor mir ganz tief unten diese Ebene, die unbegrenzt scheint, das Ende verliert sich im Dunst. Ein Punkt in der Ebene nimmt mich gefangen, intensivgrün, smaragdfarben. Die Pflanzen neben mir sind von einer feinen hellblauen Aura umgeben. Sie leben. Die Baumkakteen stehen in Reihen, dunkel, wie Wächter. Wie zahlreich sie sind.

Die Farben werden intensiver, realer als real, und transparent. Die Perspektive verändert sich. Wenn ich meinen Kopf drehe, bewegt sich die ganze Welt. Die Pflanzen stehen in Fluchten auf einen Zentralpunkt hin und diese Fluchten schwingen im Takt meiner Kopfbewegungen. Die Welt beginnt zu funkeln. In Maßen lösen sich die Begrenzungen, verschwimmen.

Auf meiner Hand klettert ein Marienkäfer, spreizt die Flügel – und fliegt. Verschwindet im Blau des Himmels. Ein Blau, so schön, so schön. Hell und unendlich tief. Eine Farbe, in die ich eintauchen kann wie in einen stillen Ozean.

Diese Intensität, Totalität, die Fähigkeit, mich schnell und konsequent auf einen Punkt zu konzentrieren, kenne ich nicht. Kein Unterschied mehr zwischen Denken und Sinneswahrnehmung. Ich genieße diese wunderschöne Aussicht und sie ist so so so so schön. Mehr bedarf es nicht. Der Himmel so blau, die Wolken so weiß, das Land so weit. Das Relief der Berge, diese Rundungen und Rillen, lila und braun. Es gibt nichts als diese Schönheit. Mehr gibt es nicht. Das ist es. Ich habe es erreicht. Kein Gott, keine Erleuchtung. Jetzt könnte ich sterben, mich auflösen. Für immer in diese schöne weite Welt eingehen. Die Flügel ausbreiten und in das Blau eintauchen.

Ein Wissen von versteckten Bedeutungen. Große Zusammenhänge. Ein Wissen, das jetzt existiert, aber schwer mit hinüberzunehmen ist. Magische Orte Mexiko.

Ganz allmählich verfärbt sich der Himmel. Schön. Einfach nur sitzen und schauen. Das Spiel der Farben. Noch verdränge ich den Gedanken an die Nacht. Die Sonnenstrahlen wärmen immer noch so intensiv, dass mir heiß wird.

Vom Tag zur Nacht. Plötzlich ist der Himmel voller Sterne. Nicht flächig angeordnet, sondern räumlich. Wie ein Dom über mir von unermesslicher Tiefe. Die Sterne. Eher leuchtende Lichtflecken, alle untereinander mit allerfeinsten Lichtfäden verbunden. Dazwischen hellere Nebel. Funkeln. Geborgenheit. Aber die bedrohlichen Schatten der Wächter. Ferne Schreie von Eseln.

Gefangen. Kein Weg zurück. Keine Orientierungsmöglichkeit, steile Abgründe und Spalten. Noch ist es halbwegs warm und angenehm. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die Sterne, auf die fernen Lichter. Doch sie fesseln die Aufmerksamkeit nicht für Stunden.

Die Kälte kriecht in meinen Körper. Keine Zeit zum Träumen. In stockfinsterer Nacht gefangen. Lange Weile. Noch nie hab’ ich den Morgen so sehr ersehnt. Schließlich, nach vielen Stunden, ein ganz feines Licht im Osten. Ein besonders heller Stern, der vom Horizont her in den Himmel aufsteigt. Die Venus als Morgenstern, der Bote des neuen Tages, der Stern, der der einheimischen Sage nach die Sonne hochzieht.

Ganz allmählich zeichnet sich die langgezogene Silhouette der Berggipfel ab. Ein heller graublauer Streifen, schließlich etwas Orange, einige Lichtstrahlen. Die Sonne hat einen langen Weg hinter den Bergen. Als sie endlich sichtbar wird, ist sie schon gelb, nicht mehr orange. Hell genug, um aufbrechen zu können.

Magische Orte Mexiko.

Raum für Meditation - asiatisches Siegel mit Tiger und Schriftzeichen
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