Still sitzen. Ein Felsblock in den Wolken


Still sitzen. Ein Zenmeister über die beschwerliche Reise eines Menschen, der plötzlich den Blick auf ein grandioses Naturereignis wirft. Ein Hauch von Einsamkeit und die Sehnsucht nach Ruhe.

still-sitzen

 

Eine Kalligraphie aus wunderbar fließenden Linien in tiefem klaren Schwarz

Text

weiß, makellos, leer

Wolke

weiße Wolken

umarmen, halten

still, dunkel, abgelegen

Stein, Felsbrocken

Verborgene Felsbrocken

Weiße Wolken umarmen einsame Felsbrocken

Der Meister hat eine Zeile aus einem längeren Gedicht des Poeten Luo Bing Wang aus der chinesischen Tang-Dynastie ausgewählt.

Das Gedicht beschreibt die beschwerliche Reise eines schwermütigen Menschen, der plötzlich den Blick auf ein grandioses Naturereignis wirft. In den hohen Bergen umhüllen weiße Wolken bizarre Felsbrocken und ganz unten ist Wasser zu sehen umgeben von smaragdenem Grün.

Da geht es um zwei ganz unterschiedliche Aspekte.

Der offensichtliche ist die Schönheit der Natur.

Eine Landschaft mit hohen einsamen Bergen, stillen Bächen und Nebelschwaden, die nur unzureichend moosbewachsene bizarre Felsbrocken durchscheinen lassen. Felsen die seit Ewigkeiten unbewegt sind. Wolken und Steine – so unterschiedlich und doch in großartiger Harmonie.

Das beschwört Stimmungen. Da schwingt Melancholie mit, ein Hauch von Einsamkeit und die Sehnsucht nach Ruhe. Das Bild eines Einsiedler, der den Kontakt mit der Welt abgebrochen und alle Zerstreuungen aufgegeben hat.

Schon wenn ich mir diese Bilder nur vorstelle, komme ich zur Ruhe.

Der abgeleitete Aspekt dieser Zeile ist die Situation eines Meditierenden.

Diese Stille und Einsamkeit der Berge kann ich überall haben.

Ich sitze da, wie ein Felsblock. Vielleicht sitze ich wie im Nebel und weiß nicht, wie es weiter geht. Die Meditation ist eine abenteuerliche und mitunter beschwerliche Reise und manchmal kann ich den Mut verlieren, ob ich das Ziel je erreiche.

Lass dich nicht von Zweifeln und Leid überwältigen. Auch wenn der Weg beschwerlich ist – immer wieder zeigen sich Lichtblicke.

Die Wolken sind makellos weiß. Ihnen kann ich keine Schuld geben. Geradezu liebevoll umarmen sie den Fels und der Blick fällt ganz unten auf smaragdenes Grün.

Wenn ich still sitze und meine Gedanken sich setzen lasse, dann sehe ich die Lücken in den Wolken. Alles setzt sich. Da bleibt nur noch ein reiner gelassener Geist.

Es ist so nah und deutlich. Ich sehe es nur nicht. Jeden Augenblick kann die Wolke ihren Klammergriff aufgeben und durchscheinend werden und das, was bisher unbekannt und geheimnisvoll war, zeigt sich unmittelbar vor meinen Augen.

Es wird etwas durch den Nebel schimmert und ich sehe auf einmal den smaragdenen Grund.

Der Meister

Diese Kalligraphie hat Fujita Kando geschaffen, der von 1926 bis 1985 lebte. Er war Abt des Unrinin, einem Untertempel des Daitokuji des Rinzai-Konfession in Kyoto.

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