Was ist schön?

Was ist schön? Jeder Mensch weiß intuitiv, was Schönheit ist. Aber niemand kann umfassend und befriedigend sagen, was Schönheit wirklich ausmacht. Oder? Eine antike Keramik aus der chinesischen Song-Dynastie hat mich dazu inspiriert, über Schönheit nachzudenken. Sie kommt aus der Zeit, als in China der Zen-Buddhismus entstand.

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Jeder Mensch weiß intuitiv, was Schönheit ist. Aber niemand kann umfassend und befriedigend sagen, was Schönheit wirklich ausmacht. Oder?

Schönheit ist jenseits von Nützlichkeitserwägungen, aber mit angenehmen Erwartungen oder Glücksgefühlen verbunden.

Schönheit kann ich entweder als Empfindung oder Urteil eines Menschen oder aber als Eigenschaft von etwas oder jemandem sehen.

Schönheit kann sich auf alles beziehen, was ein Mensch wahrnimmt und was er sich vorstellen kann und beinhaltet ein bewusst getroffenes Werturteil.

Was als „schön“ angesehen wird, ändert sich im Zeitablauf und variiert zwischen unterschiedlichen Kulturen und Individuen.

Gibt es objektive Schönheit?

Die Vorstellung ist verbreitet, Schönheit habe etwas mit bestimmten Proportionen, mit Harmonie, Gleichmäßigkeit und Symmetrie zu tun. Eine Form sei dann perfekt, wenn jedes Weniger oder Mehr sie schlechter machen würde.

Ist das nicht eher Attraktivität – die letztlich unbewusste Anziehungskraft durch harmonische Formen?

Da sind biologische Programme am Werk, die Sexualität und Fortpflanzung steuern. Die Beschaffenheit äußerer Formen und Muster bestimme die Entscheidung, weil deren Gleichmäßigkeit und Harmonie Rückschlüsse auf die Qualität der Gene liefere, behaupten die Biologen.

Hilft das wirklich weiter, wenn ich Schönheit ergründen möchte?

Es gibt den Erklärungsansatz, dass Schönheit etwas mit unserer Wahrnehmung zu tun habe, insbesondere mit dem Sehapparat, weil das Sehen unser primärer Sinn ist. Demnach nehmen wir etwas als schön war, wenn es nicht zu komplex ist, aber auch nicht zu durchschnittlich gleichmäßig, sondern in einem ausgewogenen Verhältnis von Chaos und Harmonie, so dass ich nicht völlig verwirrt bin und gar nicht erkennen kann, um was es geht. Es müsse ausreichend auffällig sein und es darf nicht zu gewöhnlich sein.

Es sieht wohl so aus, dass sich das, was als schön empfunden wird, einer allseits akzeptierten Festlegung entzieht. Vielleicht gehört der Reiz des Geheimnisvollen und nicht voll Erklärbaren dazu.

Eine alte Vase

Eine antike Keramik aus der chinesischen Song-Dynastie hat mich dazu inspiriert, über Schönheit nachzudenken. Eine Keramik ist nur tote Materie – letztlich nichts anderes als Erde und Sand. Und trotzdem strahlt sie etwas aus, das einen Hauch des Göttlichen vermittelt. Ist das zu hoch gegriffen?

Diese Keramik entstammt dem Brennofen einer berühmten Manufaktur in der Stadt Yuzhou in der chinesischen Provinz Henan, die für eine vollendeten einzigartigen Brennprozess steht, der an Magie grenzt und den heute niemand mehr nachahmen kann. Sie kommt aus der Zeit, als in China der Zen-Buddhismus entstand. Das ist der Ursprung der japanischen Ästhetik.

Kult des Einfachen und Ursprünglichen. Fundstücke in der Natur, die kein Mensch geformt hat. Diese Gegenstände werden zu einem schönen Gegenstand, indem sie jemand als solchen sieht. Wie die Schönheit einer alten Kiefer, eines knorrigen Astes, eines Steins mit vielen Löchern und Windungen.

Schönheit bedeutet nicht Perfektion. Eine mathematisch exakte Kugel oder ein Würfel wären perfekt, aber nicht wirklich schön.

Anfangs hat der Künstler vielleicht eine Idee. Aber er wird nicht viel darüber nachdenken. Er formt. Das ist wie eine Meditation. Da entsteht etwas. Hinterher staunt der Künstler selbst über das, was dabei heraus gekommen ist.

Bei dieser Schale kommt viel Wissen und Handwerk hinzu. Der Künstler legt etwas an. Und dann überlässt er den Gegenstand dem Prozess. Erst in der Hitze des Brennofens entsteht das fertige Produkt.

Was genau dabei heraus kommt, lässt sich vorher nicht sagen. Wie verläuft die Glasur, wie wird der Tonkörper umflossen, wo bleiben Stellen frei, wie zerspringt der Glaskörper? Das macht den Reiz des schließlichen Kunstwerks aus.

Künstler, Schaffensprozess und Betrachter korrespondieren. Das ist Schöpfung aus dem Urgrund. Ich stehe davor und betrachte und versinke.

Das Betrachten wird zur Meditation. Ich betrachte und sehe ohne zu sehen. Ich nehme etwas auf, das über die Sinne hinaus geht.

Da schimmert etwas durch, das sich nur stammelnd benennen lässt. Das ist formgewordenes Formloses. Ich verstehe, ohne darüber nachzudenken, wie aus der Leere etwas entstanden ist. Leere ist eben nicht leer, sondern Fülle und Potential. Und dieses Potential ist manifest geworden in diesem Gegenstand.

Das lehrt Staunen und kann zu Tränen rühren. Das ist Kunst. Aber es ist mehr als Kunst.

Dieser Gegenstand ist zeitlos. Und gleichzeitig hat er eine Aura. Er hat schon vor über 700 Jahren begeistert, dieser selbe Gegenstand, den ich da vor mir habe. Den haben Generationen von Menschen in der Hand gehalten, verehrt und bewundert. Wenn ich mich darauf einlasse, kann ich mir all diese Menschen vorstellen und sie spüren. Sie haben etwas in diesem Gegenstand hinterlassen.

Es ist nicht egal, wo diese Schale in der Vergangenheit gestanden und wer sie besessen und betrachtet hat. Da kommt mir das Wort „heilig“. Wie ein Kultgegenstand, wie eine Ikone oder eine Reliquie.

Dieser Gegenstand entführt mich aus dem gewöhnlichen Alltag und hält mich gleichzeitig in der Gegenwart. Denn er ist jetzt hier. Er schenkt mir etwas aus der Vergangenheit und es wird ihn – wenn er nicht zerbricht – auch in Zukunft geben. Aber er ist jetzt da. Jetzt.

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