Zen Koan. Ein Bild mit einem Tuschkreis. Der Kreis ist heimtückisch. Den gibt es ja eigentlich nicht. Da ist ein Nichts, das von einer Linie umgeben ist. Der Meister fragt: Was ist das?
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ToggleDas ist ein Kreis
Doofe Frage. Man sieht doch, was das ist. Da ist ein Kreis zu sehen – genau genommen kein richtiger Kreis, sondern das Ergebnis eines Schwungs mit einem Tuschpinsel, relativ dünn und weit.
Der Kreis ist heimtückisch. Den gibt es ja eigentlich nicht. Da ist ein Nichts, das von einer Linie umgeben ist. Bei einem Kreis liegt es nahe, an die Zahl „Null“ zu denken und an die Leere. Ein Nichts, das alles umfasst und auf den Bereich jenseits von Geist und Dualität verweist, auf etwas, in dem sich noch nichts manifestiert hat, aber wo sich alles manifestieren kann. Über diesen Bereich kann sinnvoll nichts mehr gesagt werden.
Wie würde ein Meister darauf reagieren?
Über eine solche Bemerkung würde ein Zenmeister nur grinsen oder vielleicht würde er auch sein Gesicht überhaupt nicht verziehen und einfach das weiter machen, was er gerade tut.
Dem Schüler helfen
Weshalb stellt ein Meister eine solche Frage? Die Frage „Was ist das?“ ist ein Lieblingswerkzeug, mit dem sie ihre Schüler trainieren. Auf Bildern mit dieser Frage ist immer etwas abgebildet. Hier ist es der Kreis.
Die Frage lässt den Leser und Betrachter ratlos. Das ist auch die Absicht. Der Betrachter soll auf etwas gestoßen werden, das über das Bild hinaus geht.
Die erste Stufe
Ein Meister lässt seine Schüler mit so einer Frage ziemlich lange allein. Der Schüler darf gelegentlich seine Überlegungen vortragen. Schließlich drängt der Meister seine Schüler zu antworten. Schweigen gilt nicht.
Was der Schüler auch immer sagt, es gilt als falsch.
Irgendwann wird der Schüler merken, dass er nicht weiter kommt. Er starrt vor eine Wand – in manchen Klöstern gilt das buchstäblich. Der Schüler sucht verzweifelt nach einem Ausweg.
Wie komme ich nicht weiter?
Mit Logik und Dualismus ist da nichts zu machen. Wenn ich versuche, darüber nachzudenken, habe ich schon verloren. Wenn ich mit Begriffen hantiere und an einem ausgefeilten Denken festhalte, verheddere ich mich im Gestrüpp. Es hilft auch nichts, etwas nachzuahmen oder Auswendiggelerntes vorzutragen.
Es muss aus einem eigenem inneren Erleben kommen.
Worum geht es?
Das Koan ruft uns auf, im Moment aufzuwachen und uns um das zu kümmern, was wir im Moment erleben. Letztendlich fordert es uns auf, die Natur des Selbst und der Realität überhaupt zu hinterfragen.
Das ist eine Antwort auf Leben und Tod. So als wäre das das letzte Wort vor meinem Tod. Und tatsächlich habe ich dann ein Tor durchschritten, hinter dem alles anders ist.
Es geht darum, den denkenden Geist zu zertrümmern. Erst wenn das diskursive Denken aussetzt, wird die Wirklichkeit sichtbar.
Dann ist gar nichts mehr – kein Suchen, kein Denken – nur noch wache, lebendige strahlende transparente Klarheit.
Das Beispiel 43 in der Sammlung Mumonkan und das Beispiel 51 in der Sammlung Biyan Lu
Dazu passen zwei Geschichten:
Im 43. Beispiel des Mumonkan hält der Meister Shuzan einen Bambusstock hoch und sagt gleich dazu: Wenn ihr das einen Stock nennt, dann hängt ihr an dem Namen, wenn ihr es keinen Stock nennt, leugnet ihr das Faktum.
Das „Was ist das?“ taucht ursprünglich im 51. Beispiel des Biyan Lu auf. Da besuchen den Meister Hsueh-feng zwei Mönche in seiner Bergklause.
Der Meister springt aus seiner Hütte und konfrontiert sie ohne Umschweife mit der Frage: Was ist das? Der eine Mönche entgegnet mit der gleichen Frage: Was ist das? Der andere schweigt. Enttäuscht zieht sich der Meister zurück.
Meine eigene ursprüngliche Natur zeigt sich nicht als ein Objekt. Es geht um das Eine, jenseits von dies und das. Es geht um die Region, in der nur noch Klarheit und Weite ist. Darauf wollen die Meister hinweisen, der eine mit dem Stock, der andere allein mit der Frage und der Meister, der die Kalligraphie geschaffen hat, mit einem Kreis.
Die Kalligraphie
Zur Kalligraphie wurde lediglich mir mitgeteilt „nach Muto Reisho,
19. Jahrhundert“. „Muto“ bedeutet „Niemand“.
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Diese Kalligraphie gehört zu einer ganzen Serie von Kommentaren zu Zen-Kalligraphien:
https://www.raumfuermeditation.de/category/zen/
Diese Kalligraphie und viele weitere sind auch in einem Buch enthalten und kommentiert:
ZEN + NICHT-ZEN. Gedanken zu ostasiatischen Kalligraphien
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