Weiser Mann. Eine Kalligraphie des Zen-Großmeisters Nantenbô verspricht einen ganz besonderen Nutzen

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Weiser Mann. Der Akt des Schreibens als Meditation. Da entsteht etwas, als würde die Welt vor meinen Augen neu geschaffen. Wenn du die Kalligraphie anschaust und sie erfasst, dann wirst du einen ganz besonderen Nutzen haben. Eine Kalligraphie des Zen-Großmeisters Nantenbô.

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Das ist eine Art von Kalligraphie, die in Japan „Ichigyo“ heißt, Kalligraphie in einer Zeile. Da entsteht alles in einem nahezu ununterbrochenen Pinselschwung. Das ist ein Fließen fast wie bei einem Enso, einem Tuschekreis – ein Ansetzen und dann ist es perfekt. Hier versteht man unmittelbar, weshalb es heißt, in der Kalligraphie wird der Geist des Meisters zum Gegenstand. Das Werk entsteht, so wie ein Tier aufspringt. Spontan. Aus dem Augenblick heraus. Da ist nichts geplant.

Die Kalligraphie besteht aus sieben Zeichen. Welch ein Reichtum an Assoziationen!

Die ersten drei Zeichen:

lesen, Buch

schreiben

aneignen, Nutzen, Gewinn

Da gibt es zweierlei zu verstehen. Einmal, was mit Lesen-und-Schreiben-Lernen gemeint ist. Und zweitens, was mit dem Aneignen noch gemeint ist.

Lesen und Schreiben lernen. Da denkt man an Kinder. Das ist eine der Basisfähigkeiten, die man in der ersten Schulklasse lernt. Die Schriftzeichen in Ostasien sind komplizierter. Aber im Grunde genommen ist das Lernen der Schriftzeichen auch da relativ bald Routine.

Da könnte die Mahnung hinter stecken: Es ist nicht angebracht, Basisfertigkeiten zu verachten oder als gering einzuschätzen. Achte auch das Einfache und Unscheinbare.

Was ist mit dem Aneignen noch gemeint? Mit dem Erlernen selbst ist es nicht getan. Das eine ist das Aneignen, das andere das Erhalten. Das Lernen hört nie auf. Und schließlich geht es darum, das Gelernte los zu lassen, so dass Schreiben geschieht, ohne dass das Ego dazwischen funkt.

In der Kalligraphie gilt das lebenslange Üben ganz besonders. Dieser Meister hat fast unzählige Kunstwerke geschaffen. Ich denke er hat sie als tägliche Übung erschaffen wie eine tägliche Meditation, als Ritual, um sich mit dem Einen zu verbinden.

Dann ist der Akt des Schreibens eine Meditation. Das ist etwas, da geht es nicht um ein Ziel oder um das Ergebnis. Er verschmilzt mit der Tätigkeit. Der Meister wird Schreiben. Da ist keiner mehr, der schreibt, kein Pinsel, keine Schrift. Alles ist eins. Es gibt keine Dualität, kein Ich und kein Dort. Nur noch Schreiben.

Das ist Schöpfung aus dem Urgrund. Da entsteht etwas, als würde die Welt vor meinen Augen neu geschaffen. Das ist ein göttlicher Akt. Eines weisen Menschen würdig.

Das „Aneignen“, der „Nutzen“. Das ist ein Appell, sich das Bild anzuschauen und sich diese Schrift anzueignen – zu erfassen, was darin steckt.

Das vierte Zeichen:

geschmackvoll, Bedeutung, attraktiv

Das nächste Zeichen bedeutet „geschmackvoll“ und „attraktiv“. Was heißt das hier? Schrift ist auf der einen Seite ein nüchternes Medium der Information. Das andere ist, wie man die Schriftzeichen formt. Eine Kalligraphie ist auch Kunst. Die Form der Schrift ist ein Statement. Diese hier ist einfach schön, wie da harmonisch das Band der Tuschelinie fließt, schwingt, sich biegt und formt.

Das „geschmackvoll“ und „attraktiv“ in Verbindung mit „Nutzen“ kann sich auch auf das Anschauen beziehen. Wenn du die Kalligraphie anschaust und sie erfasst, dann wirst du einen ganz besonderen Nutzen davon haben. Was mag das sein?

Das fünfte Zeichen:

dieses, hier, das hier

Das Zeichen meint schlicht „dieses“ und „das hier“. Es betont, dass es genau hierum geht und nicht um etwas anderes. Wie ein Ausrufungszeichen.

Das fünfte und sechste Zeichen:

Gottheit, heilig

Buddha, Erleuchteter, weiser Mensch

Hier ist von besonderen Menschen die Rede, von Heiligen, Erleuchteten und besonders von dem einen Erleuchteten, nämlich dem Buddha Shakyamuni.

Die gesamte Kalligraphie kann man auf zwei Weisen verstehen. Man kann lesen: Das Lernen der Schriftzeichen sei die Tätigkeit der Weisen. Das Schreiben in Ostasien ist eine der klassischen Kunstformen.

Das kann aber auch bedeuten: Das hier ist der Buddha!

Wie das? Wir denken Buddha ist etwas sehr weit Entferntes, Abstraktes. Der Meister will uns darauf hinweisen, dass dem nicht so ist. Buddha ist etwas sehr Konkretes. Buddha ist hier! Er steckt in allem was es gibt. Er steckt auch in diesen Schriftzeichen. Sie sind der Buddha. Da braucht man nicht irgendwo hin zu laufen und den Buddha zu suchen. Er ist schon da.

Damit könnte man die Kalligraphie wie folgt übertragen:

Schau auf diese Schrift! Und du wirst einen vorzüglichen Nutzen davon haben: Denn das ist nichts anderes als der Buddha.

Dieser Meister, der das geschrieben hat, ist einer der größten Zen-Meister seiner Zeit und ein großer Kalligraph. Er heißt Nakahara Nantenbô. Er wurde am 3. April 1839 geboren und ist am 12. Februar 1925 gestorben. Er wird als leidenschaftlicher Reformer beschrieben und als großartiger Künstler. Er schuf zahlreiche Tuschebilder und Kalligraphien und versuchte die traditionellen Formen mit den Umbrüchen seiner Zeit zu versöhnen.

Auf dieser Kalligraphie bezeichnet er sich als Hachijusan o – der 83jährige Alte – Nantenbo Toju. Die drei Siegel nennen ihn Hakugaikutsu, Toju und Nantenbo.

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Diese Kalligraphie und viele weitere sind auch in einem Buch enthalten und kommentiert:

ZEN + NICHT-ZEN. Gedanken zu ostasiatischen Kalligraphien

Zen + Nicht-Zen: Gedanken zu ostasiatischen Kalligraphien : Seitz, Tomo J.: Amazon.de: Bücher

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